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Berger, A. 1910. Die von mir auf meiner Expedition in Englisch Ost-Afrika und der Lado-Enclave gesammlten Saeugetiere. Sitzungsberichte der Gesellschaft Naturforschender Freunde zu Berlin 1910: 333-361.

Die von mir auf meiner Expedition in Englisch Ost-Afrika und der Lado-Enclave gesammlten Saeugetiere

Note
Location Eastern Africa Subject Distribution Species African Rhinos

Berger 1910 - FULL TEXT OF ORIGINAL
p. 343

Rhinocerotidae. Nashörner.
34. Rhinoceros (Dicera) bicornis holmwoodi SCLAT. Spitzmaulnashorn.

Fast überall in Engl. Ost Afrika angetroffen, nur einmal 3 zusammen. Anfang November trafen wir am Soleisee eine Alte mit ganz kleinem Jungen, das bei der Flucht den Kopf zwischen die Hinterbeine der Mutter steckte.
Es ist sehr viel über die Gefährlichkeit der Nashörner geschrieben worden. Meiner Ansicht nach darf man hier nicht verallgemeinern. Auch diese Tiere sind, wie alle Wesen, Stimmungen unterworfen. Sind sie schlecht gelaunt, infolge von Krankheiten‚ oder kürzlich erhaltenen Verwundungen, so nehmen sie ohne jede Veranlassung an, ja überfallen direkt aus dem Hinterhalt, ohne irgendwie gestört zu sein.
Ich glaube viel zu oft wird von einem ‘angreifenden’ Nashorn gesprochen: das Tier läuft blindlings in der Richtung, aus der die Störung kommt, überrennt natürlich alles, was ihm nicht aus dem Wege geht. Nun sind es oft Karawanen, die das Tier in seiner Ruhe stören, und daher erklären sich auch die häufig erwähnten ‘Angriffe’ auf diese, von denen sehr viele Reisende schreiben. Fast nie ist dabei ein Unglück passiert, das Nashorn ist einfach hindurchgelaufen und damit war die Sache erledigt.
Verwundete Tiere können recht ungemütlich werden, gleichgültig, ob ein Jäger oder ein anderes Nashorn die Verwundung verursacht hat. Ich habe einmal erlebt, daß ein im Kampfe abgeschlagenes Tier mit tiefer Nase direkt auf meiner Spur folgte, sodaß ich gezwungen war zu schießen. Es stellte sich heraus, daß das Tier aus einigen ganz frischen Wunden, die es offenbar im Kampf davongetragen hatte, blutete.
[p. 344]
Im allgemeinen flüchtet das Nashorn, wie alle anderen Tiere, sobald es Wind vom Menschen bekommt. Aber auch angeschossene Tiere nehmen durchaus nicht immer an, selbst wenn der verfolgende Jäger in unmittelbare Nähe des Tieres kommt. So stieß ich einmal im dichten Busch bei der Verfolgung eines wunden Tiers beinah mit demselben zusammen, und doch flüchtete dasselbe.
Das Nashorn äugt außerordentlich schlecht, die Neger sagen geradezu: es ist ‘blind’. So konnte ich einmal auf offener Steppe, ohne die geringste Deckung an ein Nashorn herangehn, eine Anzahl Photographien auf 30 Schritt machen (wobei ich das Tier mit Steinen warf, weil es zu schläfrig dastand) und mich wieder entfernen, ohne daß das Tier flüchtig geworden wäre. Natürlich hatte ich immer guten Wind.

35. Rhinoceros (Ceratotherium) simus cottomi LYD.
Breitmaul-Nashorn.
Nachdem das ‘Weiße Nashorn’ in Süd Afrika von den schießwütigen Buren ausgerottet war, galt es lange für ausgestorben, bis vor einigen Jahren zum ersten Mal von dem Engländer POWELL COTTON am Bahr ei Jebel ein ‘Weißes’ oder besser ‘Breitmaul- nashorn’ wieder erlegt und nach London gebracht wurde. BREHM vermutet es schon nördlich des Äquators und, gibt an, daß es wahrscheinlich in den Steppen südlich von Habesch vorkäme, leider erwähnt er aber nicht, worauf sich diese Vermutung stützt
[Note: Während diese Arbeit gedruckt wurde, erhielt ich die Nachricht, daß ein Rh. simus in Nord Somaliland erlegt worden ist. Ich werde darüber berichten, sobald ich genaueres erfahren habe. ]
Auffallend ist, daß EMIN nie etwas von diesem Tiere erwähnt, denn heute kommt es gernicht weit von der alten Station Wadelai, wo EMIN sich so lange aufhielt, vor. Es wäre nicht ausgeschlossen daß es erst in den letzten Jahren mehr nach Süden, also in die Nähe des erwähnten Ortes vorgedrungen ist, denn am Bahr el Gazal soll es auch vorkommen. Vermutlich verbreitet sich das Tier nur westlich vom Bahr el Jebel, während wir östlich desselben, also in Uganda, das Spitznashorn finden. Offenbar ist sein Verbreitungs-gebiet sehr klein.
Es scheint sich nur von weicher Pflanzenkost zu nähren, wenigstens fanden wir im Magen der untersuchten Stücke nur Gräser und Blätter, aber nie Ast- oder Rindenreste.
Von dem Spitznashorn unterscheidet es sich, wie schon der Name sagt, vor allem durch das breite Maul. Dies ist übrigens auch unsern Negern aufgefallen, denn sie nannten es: ‘das Nilpferd mit Hörnern’.
[p. 345]
Ferner ist es bedeutend größer, die Schultern stehen höher als das Becken. Das Maul ist quer gespalten und hat keine Greiflippe. Das große Vorderhorn ist stark gebogen und erhebt sich von breiter Basis, das Hinterhorn ist klein. Eine Hautfalte zieht sich vor dem Schulterblatt abwärts, die Ohren sind nach vorn gestellt und mit ziemlich langen Haaren gesäumt. Der flach nach hinten ansteigende Schädel ist auffallend groß und macht etwa ein Viertel der Gesamtlänge des Tieres und die Hälfte der Schulterhöhe des Tieres aus.
Die Haut ist, von außen gesehen fast glatt, dreht man sie aber um, so sieht man nach Entfernung der Sgeckschicht, daß sie aus einer Unzahl kleiner Schilder besteht.
Ungeziefer konnten wir an dem Tier, auch zwischen den Zehen nicht finden. Meiner Ansicht nach ist es mit besseren Sinnen, als das Rh. bicornis begabt. Sein Gesicht und vor allem sein Gehör scheinen besser zu sein. Ist es angeschossen, so wendet es sich immer nach der Seite der Gefahr und steht ruhig in Verteidigungsstellung, während Rh. bicornıs immer mit dem Kopf hin- und her- pendelt, als suche es den Feind.
Nach eignen Erfahrungen, und dem was wir hörten greift es nie an.
Es ist außerordentlich gewandt und flüchtig, dabei läuft es zuweilen ganze Strecken im Galopp. Das mit den mächtigen Hörnern bewehrte Haupt senkt es dabei zur Erde. Die Bewegungen sind dadurch, daß es hochgestellt ist durchaus nicht plump.
Bei Nacht kommen sie zum Wasser an den Fluß, gehen aber schon vor Tagesanbruch wieder auf die Steppe. Hier trafen wir es allein, oder.in Familien bis zu drei Stück. Da wir wiederholt eine Alte mit zwei gleichaltrige Jungen, ein andermal zwei gleich-alterige Junge zusammen ohne Alte antrafen, liegt die Vermutung nahe, daß sie zwei Junge setzen, obgleich dies bei einem so großen Tier unwahrscheinlich ist.
Früher wurde das Tier bei uns fast allgemein ‘Weißes Nashorn’ genannt und man zerbrach sich den Kopf, warum diese unpassende Bezeichnung gewählt wäre. Meist nahm man an, daß der erste, der das Tier beschrieben hatte ein Exemplar vor sich hatte, das sich in Asche gewälzt und so ein weißes Aussehen bekommen hatte, indem man nach der englischen Aussprache übersetzte. Es ist aber sehr leicht möglich, daß hier ein Irrtum vorliegt und das unser Rhino früher im englischen nicht ‘white’ –
‘weißes’, sondern ‘wide’ – ‘breit’, d. h. breitmauliges Nashorn benannt wurde, und daß sich allmählich, mit dem Aussterben des Tieres auch die Begriffe verwischt hatten.
[p. 346]
Diese Ansicht scheint umsomehr Berechtigung zu haben, da wir ja doch auch das Rh. bicornis nicht ‘Spitzmaulnashorn’, sondern kurzweg ‘Spitznashorn’ nennen, also wäre die alte Bezeichnung ‘Stumpfnashorn’ die alte Übersetzung gewesen.
Es ist sicher, daß den Wildschlächtereien, die in den letzten Jahren in der Lado Enklave stattgefunden haben, eine große Anzahl dieser Tiere zum Opfer gefallen ist. Für die Tiere ist es ein Unglück, daß sie zum Wasser an den Fluß sommen müssen, weil sich im Innern des Landes nur in der Regenzeit Wasserstellen finden.
Das von mir dem Berliner Zoologischen Museum überwiesene, jetzt dort aufgestellte Exemplar hatte folgende Maße:

Schulterhöhe (Bandmaß) 212 cm
Schulterhöhe (Stockmaß) 187 cm
Beckenhöhe (Bandmaß) 184 cm
Beckenhöhe (Stockmaß) 155 cm
Bauchumfang (direkt nach dem Schuß) 360 cm
Länge von Mitte der Oberlippe bis Bürzelspitze 408 cm.

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